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Richtig manuell blitzen (1) – Theoretische Zusammenhänge

In den letzten Tagen habe ich mich mal intensiver mit dem Thema Blitzen nach Strobist-Art (also voll manuell, keinerlei Automatiken wie iTTL o.ä,) auseinandergesetzt. Meine gesammelte Erfahrung zeigt, das es sinnvoll ist, immer ein gewisses Grundwissen im Hinterkopf zu haben, wenn man mit Blitzen im „Strobist-Stil“ arbeitet.

In dieser Artikelserie möchte ich meine zusammengetragenen/erlesenen Erkenntnisse zum Thema entfesseltes Blitzen im manuellen Modus zusammenfassen.

Richtig manuell Blitzen – Alle Teile im Überblick

Teil 1 – Theoretische Zusammenhänge
Teil 2 – Lichtformercheck Nr.1
Teil 3 – Die richtige Ausstattung
Teil 4 – Manuelles Blitzen in der Praxis

 

Teil 1 – Theoretische Zusammenhänge beim Blitzen

Hier mal meine kleine Zusammenfassung mit (meiner Meinung nach) den wichtigsten Infos :

Nochwas : Dieser Artikel hier ist keine wissenschaftliche Abhandlung, ich versuche die Zusammenhänge getreu dem Motto „keep it simple“ zu verdeutlichen. Wenn also irgendwo Parameter fehlen, dann spielen sie dann auch nur eine untergeordnete Rolle

Warum dieses ganze Brimborium?

Ganz einfach, es ist immer gut zu Wissen, wie sich Blenden, Blitzleistung und Abstand Blitz->Model zu einander verhalten.
Denn wenn das Shooting erst einmal läuft ist keine Zeit für Experimente, um die optimale Belichtung des Models zu finden.

Blendenstufen

Die Grundlage dieser ganzen Theorie bilden die Blendenstufen :

Definition Wikipedia : „Die Blendenreihe ist so angelegt, daß die durch das Objektiv fallende Lichtmenge sich von Blendenstufe zu Blendenstufe halbiert. Der Blendendurchmesser reduziert sich von Blendenstufe zu Blendenstufe um den Faktor 1/√(2) , wodurch sich Fläche und Lichtmenge halbieren.
Diese Abstufung entspricht der üblichen Belichtungszeitsreihe und ermöglicht dadurch ein einfaches Anpassen von Blende und Belichtungszeit bei gegebener Beleuchtung.
Jede Zahl wird aus der vorhergehenden durch Multiplikation mit √(2) berechnet. Die mathematisch exakten Werte decken sich nicht genau mit der üblichen Blendenreihen-Konvention, sondern sind gerundet“

Volle Blendenstufen
f1
f1.4
f2
f2.8
f4
f5.6
f8
f11
f16
f22
f32

Diese Reihe gibt es auch in halben und drittel Blendenstufen. Damit aber die Verwirrung nicht zu groß wird, benutze ich hier nur die vollen Blendenstufen

Die Reihe der vollen Blendenstufen sollte man auswendig können!!
Notfalls hilft ein kleiner Zettel

 

Der Blitz bzw. die Blitzleistung

Egal ob ich nun Aufsteckblitze nutze, oder Studioblitze, bei den meisten kann ich gewisse Parameter einstellen. Ich betrachte jetzt aber die Blitznutzung nur im kompl manuellen Betrieb (also kein ITTL, ETTL, TTL oder sonst was). Daher interessiert mich hier nur die Blitzleistung.
Die Leistung kann bei den meisten Blitzen (viele gehen aber nur bis 1/16 runter wie der SB-24) folgendermaßen eingestellt werden

Blitzleistung
1/1
1/2
1/4
1/8
1/16
1/32
1/64
1/128

Ich halbiere also von Stufe zu Stufe meine Blitzleistung

 

Gegenüberstellung Blitzleistung – Blendenstufen

Blitzleistung
1/1
1/2
1/4
1/8
1/16
Blendenstufe
16
11
8
5,6
4

Erklärung : Angenommen ich messe die Lichtstärke am Model und mein Belichtungsmesser zeigt F16 an. Nun muss ich diese Blende an der Kamera einstellen, um eine optimale Belichtung zu erhalten. Halbiere ich jetzt die Blitzleistung auf ½ ohne meine Blende an der Kamera anzupassen, würde ich das Model um eine Blende unterbelichten. Passe ich aber die Blende in der Kamera auf F11 an, habe ich wieder ein optimal belichtetes Model

Anderes Beispiel:

Blitzleistung
1/1
1/2
1/4
1/8
1/16
Blendenstufe
8
5,6
4
2,8
2

Merksatz :
Verdoppelt sich die Blitzleistung, gewinnt man eine Blendenstufe
Halbiert sich die Blitzleistung, verliert man eine Blendenstufe

Wenn mein Blitz nun auf voller Leistung arbeitet, ich aber mehr Licht brauche, kann ich auch die Anzahl (identischer) Blitze erhöhen (siehe obigen Merksatz). Um eine Blende zu gewinnen, muss ich mir noch einen Blitz gleicher Marke und Modell kaufen. Brauche ich drei  Blendenstufen mehr Licht (z.B. von F5.6 nach F16) , muss ich die Anzahl der Blitze verachtfachen(!!) – Oder einfacher (und auch günstiger) gleich einen größeren Blitz kaufen, z.B. einen Aufsteckblitz durch einen Studioblitz ersetzen.

Das ganze lässt sich auch aus Energiesparsicht betrachten. Ich weiß, das ich mein Model bei F16 mit voller Blitzleistung anstrahlen muss, damit es korrekt belichtet wird. Öffne ich jetzt meine Blende auf F4, braucht mein Blitz nur noch 1/16 der Leistung abgeben. Vorteil : Der Blitz verbraucht weniger Energie (bei gleich belichteten Bild) und die Aufladezeit sinkt auf ein Minimum ab J

Abnahme Blitzleistung – Entfernung

Die modernen Blitze mit LCD Display zeigen schon genau an, wie sich die Leistung mit der Entfernung verhält, vorrausgesetzt ich sage dem Blitz, welche ISO, Verschlusszeit, Brennweite und Blende ich gewählt habe. Hier geht es aber um Grundwissen und daher verzichten wir mal auf die rechnerischen Fähigkeiten des Systemblitzes (davon mal abgesehen, der Studioblitz kennt kein LCD Informationsdisplay).

Das Abstandsgesetz besagt, das bei einer Verdoppelung der Entfernung Blitz -> Model die Blitzleistung nur noch 1/4 beträgt (ich verliere also 75% des Lichtes).

Um dieses Gesetz etwas besser veranschaulichen zu können, hier mal eine kleine Grafik

[singlepic id=10 w=320 h=240 float=center]

Ich verliere also bei verdoppelter Entfernung 2 Blendenstufen an Licht. Möchte ich nun mein Model anstatt einem Meter Abstand zum Blitz mit 7m Abstand fotografieren, muss ich die Blende auf F4 öffnen, damit das Foto richtig belichtet wird.

Im nächsten Beispiel habe ich mal meinen Nikon SB-25 rechnen lassen. Daten hier waren 24mm Zoom, volle Power (1/1) und ISO 100. Der Nikon errechnet immer den optimalen Abstand zum Blitz für ein korrekt belichtetes Foto. Aufgrund des Displays wird die Entfernung aber nur grob angezeigt.

[singlepic id=9 w=320 h=240 float=center]

Am Model ankommende Blitzleistung
1/1
1/4
1/16
1/64
1/256
Blende für korrekte Belichtung
f32
f16
f8
f4
f2
Entfernung Blitz -> Model
0,8m
1,5m
3m
6m
13m

Das heißt das ich mit einem lichtstarken Objektiv (Blende 2) auch Personen in 13m Entfernung zum Blitz richtig belichtet fotografieren kann. Auf der anderen Seite komme ich locker mit meinem Kitobjektiv bei Blende 8 zurecht, wenn das Model nur 3m zum Blitz entfernt steht.

ISO

Die ISO der Kamera kommt immer dann ins Spiel, wenn ich mehr Licht brauche (aber der Blitz bereits auf 1/1 Leistung steht), ich die Distanz zum Model nicht verkürzen kann oder ich einfach eine größere Blendenzahl (also Blende mehr geschlossen) fotografieren möchte.

Lange Rede, kurzer Sinn, hier mal eine Tabelle die die Zusammenhänge verdeutlicht :

ISO
100
200
400
800
Blitzleistung
1/1
F8
F11
F16
F22
1/2
F5.6
F8
F11
F16
1/4
F4
F5.6
F8
F11
1/8
F2.8
F4
F5.6
F8
1/16
F2.8
F2.8
F4
F5.6
1/32
F1.4
F2.8
F2.8
F4

Betrachten wir jetzt mal die Tabelle genauer, und zwar die roten Blendenzahlen. Wir brauchen für ein Foto bei Blende 8 und ISO100 volle Blitzpower. Ändern wir aber die ISO auf 400 brauchen wir nur noch 1/4 der Blitzleistung. Das spart Batterien und der Blitz lädt viel schneller auf.

Andere Betrachtung : Wir möchten gerne mit Blende 22 fotografieren, aber bei ISO100 haben wir für ein optimal belichtetes Foto Blende8. Wir stellen die ISO auf 800 und schon kann es losgehen.

Merksatz
Verdoppelt man die ISO gewinnt man eine Blende
Halbiert man die ISO verliert man eine Blende

Solange ich mit meiner Blitzleistung auskomme, sollte man aus Qualitätsgründen in ISO100 bleiben.

Wenn aber Reserven gebraucht werden sollte man mit der ISO ruhig höher gehen. Mit einer modernen Kamera bekommt man mittlerweile auch gute Bilder bei ISO 800 (die Bilder können ja nachträglich, falls erforderlich, am PC entrauscht werden).

Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen beim Blitzen

Ist das Model auf dem Foto zu dunkel dann

  • öffne ich die Blende (= niedrigere Blendenzahl) ODER
  • gebe mehr Blitzleistung ODER
  • verringere die Distanz Model – Blitz ODER
  • erhöhe ich die ISO

Ist das Model auf dem Foto zu hell dann

  • schließe ich die Blende (= größere Blendenzahl) ODER
  • verringere die Blitzleistung ODER
  • vergrößere die Distanz Model – Blitz ODER
  • verringere ich die ISO

Das ODER steht dort, weil man sich schnell verzettelt, wenn man auf einmal mehrere Werte verändert. Also schön der Reihe nach. Viele Wege führen hier nach Rom.

Ich hoffe mal diese kleine Übersicht war hilfreich und hat, was die einzelnen Zusammenhänge betrifft, etwas Licht ins Dunkle gebracht.

PS: Üben in der Praxis hilft extrem, diese Zusammenhänge hier besser zu verstehen. Wem das also alles zu viel Text ist, der muss raus und üben üben üben

19 Gedanken zu „Richtig manuell blitzen (1) – Theoretische Zusammenhänge

  1. Boah das nen haufen Theorie! Bis ich das begriffen habe vergeht ne weile 😉 Aber schön zusammengefasst! Dannke Herr Sypke

  2. Oha, sogar ein aktueller Beitrag! Ich dachte es wäre wieder einer von 2002 welcher nicht mehr zu gebrauchen sei oder so. Aber das ist echt eine Menge Theorie und das muss ich mir mal ganz in Ruhe durchlesen. 🙂 Aber vielen Dank dafür, hilft mir echt weiter. 🙂

    Gruß,
    Patrick

    • @Patrick : Schön das dir der Beitrag gefällt. Nur ich verstehe das mit dem „Beitrag von 2002“ nicht so ganz. Meinst du jetzt andere Artikel in meinem Blog oder einfach andere Blogartikel zum Thema Blitzen?

  3. Ich find den Artikel perfekt. Genau die richtige Menge notwendige Theorie ohne mit unwichtigen Details zu langweilen. Ich werde mir das mal verinnerlichen. Meine Strobo-Erfahrungen sind bisher eher try and error. Ohne Blitz gibt es wirklich so gut wie keine Belichtungssituation in der ich noch überlegen müsste oder eltiche Probeschüsse brauche. Mit den beiden manuellen Blitzen und den PT-04s sieht das schon ganz anders aus. Also besten Dank für die schönen Tabellen 🙂

  4. die zusammenhänge sind sehr klar formuliert und sollten jedem bekannt sein. allerdings möchte ich als fotograf die kontrolle über die blende haben ! will ich mit blende 2,8 bei einem closeup die schärfe auf die augen legen, so werde ich bei unterbelichtung nicht die blende, sondern zuerst die blitzleistung und erst dann die iso anpassen. die beispiele sollten dahingehend überarbeitet werden.
    was die darstellbarkeit angeht, ist mir gerade aufgefallen, dass eine tabelle mit vier {5} abhängigen (blende, blitzleistung, entfernung, iso, {belichtungszeit?}) nicht möglich ist. dafür gab es früher schon mal eine bessere lösung, die belichtungsscheibe. vielleicht könnte man soetwas zum basteln in flash veranschaulichen …

    mfg
    henrik

  5. Hallo Henrik,
    Wie schon gesagt, es sind nur Beispiele. Je nach Situation muß ich individuell die einzelnen Faktoren anpassen und vorher abwägen, welche Variable in diesem Moment unveränderlich ist (wie in deinem Beispiel die Blende)
    Aber danke für das praxisnahe Beispiel.

    • Da führt leider kein Weg dran vorbei. Natürlich macht ITTL (oder ETTL etc) eine super Sache, nur sollte man für den Fall der Fälle immer wissen, wie der Blitz auch manuell einzustellen ist, damit die Ergebnisse top sind 😉

  6. Hallo Herr Sypke,

    bin einfach aus reiner Interesse mal wieder auf Ihre Seite gestoßen und habe mir aufmerksam gerade diesen Beitrag durchgelesen. Ich bin nämlich im Moment auch am überlegen mich für das Manuelle Blitzen begeistern zu lassen. Fand den Beitrag sehr hilfreich und werde mich nun demnächst mit ner kleinen Softbox, Blitzstativ und evtl. einem Reflektorschirm ausstatten.

    Lg Fabian

    • Man lernt auf jeden Fall eine Menge beim manuellem Blitzen. Softbox, Stativ usw gibt es ja schon für kleines Geld. Für alles ca 120€ und dem Blitzvergnügen steht nichts mehr im Wege. Blitz/Schirmneiger nicht vergessen!

  7. Man kann aber auch mit der Trial & Error Methode zum Ergebnis kommen, ohne sich alles merken zu müssen.. Ich mache Portraits im Studiosetup so bei Blende 11 und danach richte und stelle ich die Blitze ein. ISO versuche ich bei dem Rauschmonster D200 immer auf 100 zu lassen..

    M.

  8. Super Erklärung….hat mir noch mal so einige graue Zellen aufgefrischt 😉 , aber ich kann vor allem dem Teil mit üben üben üben definitiv zu 100% bestätigen!!!

    • Hallo Florian,
      ja viel hilft viel, da hast du recht. Nur bei dem Wetter macht üben echt keinen Spaß, habe mom. noch nicht mal im Haus den Ehrgeiz, a bissl zu experimentieren. Das Wetter drückt voll auf die Laune 🙁

  9. Pingback: Sigma DP1s mit großem Metz-Blitz | christof.de.com

  10. Pingback: Richtig manuell blitzen (2) – Lichtformercheck Nr. 1 | blog.sag-cheese.de

  11. Pingback: Richtig manuell blitzen wie Strobist und Zack Arias mit Aufsteckblitzen und Studioblitzen | blog.sag-cheese.de

  12. Moin,

    Endlich mal die richtige Menge Theorie! Vielen dank!

    Ich habe hier einen regula 740 ctx rumliegen den ich geschenkt bekommen habe. Da kann man allerdings nur „m, 1,2,3 und 4“ auswählen und keine Leistungsstufen…

    Bei mir ist es also zur zeit noch mehr probieren und Glück haben 🙂

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